Mittwoch, 15. Oktober 2014


Foto: Renate Harig

Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt.

Es ist ein Bäumlein gestanden im Wald
In gutem und schlechtem Wetter;
Das hat von unten bis oben halt
nur Nadeln gehabt statt Blätter;
Die Nadeln, die haben gestochen,
das Bäumlein, das hat gesprochen:
 
"Alle meine Kameraden
haben schöne Blätter an,
und ich habe nur Nadeln,
niemand rührt mich an;
Dürft' ich wünschen, wie ich wollt',
wünscht' ich mir Blätter von lauter Gold."
 
Wie's Nacht ist, schläft das Bäumlein ein,
und früh ist's aufgewacht;
da hatt' es goldene Blätter fein,
das war eine Pracht!
Das Bäumlein spricht: "Nun bin ich stolz;
Goldene Blätter hat kein Baum im Holz."
 
Aber wie es abend ward,
ging ein Bauer durch den Wald
mit grossem Sack und langem Bart,
der sieht die goldnen Blätter bald;
Er steckt sie ein, geht eilends fort
und lässt das leere Bäumlein dort.
 
Das Bäumlein spricht mit Grämen:
"Die goldnen Blättlein dauern mich,
ich muss vor den andern mich schämen,
sie tragen so schönes Laub an sich.
dürft' ich mir wünschen noch etwas,
so wünscht' ich mir Blätter von hellem Glas."
 
Da schlief das Bäumlein wieder ein,
und früh ist's wieder aufgewacht;
Da hatt' es gläserne Blätter fein,
das war eine Pracht!
Das Bäumchen sprach: "Nun bin ich froh;
Kein Baum im Walde glitzert so."
 
Da kam ein grosser Wirbelwind
Mit einem argen Wetter,
der fährt durch alle Bäume geschwind
und kommt an die gläsernen Blätter;
Da lagen die Blätter von Glase
zerbrochen in dem Grase.
 
Das Bäumlein spricht mit Trauern:
"Mein Glas liegt in dem Staub;
Die anderen Bäume dauern
mit ihrem grünen Laub.
Wenn ich mir noch was wünschen soll,
wünsch' ich mir grüne Blätter wohl."
 
Da schlief das Bäumlein wieder ein,
und wieder früh ist's aufgewacht;
Da hatt' es grüne Blätter fein.
Das Bäumlein lacht
und spricht: "Nun hab' ich doch Blätter auch,
dass ich mich nicht zu schämen brauch".
 
Da kommt mit vollem Euter
die alte Geis gesprungen;
Sie sucht sich Gras und Kräuter
für ihre Jungen;
Sie sieht das Laub und fragt nicht viel,
sie frisst es ab mit Stumpf und Stiel.
 
Da war das Bäumchen wieder leer,
es sprach nun zu sich selber:
"Ich begehre nun keine Blätter mehr,
weder grüner, noch roter, noch gelber!
Hätt' ich nur meine Nadeln,
ich wollte sie nicht tadeln."
 
Und traurig schlief das Bäumlein ein,
und traurig ist es aufgewacht;
Da besieht es sich im Sonnenschein
und lacht und lacht!
Alle Bäume lachen's aus;
Das Bäumlein macht sich nichts daraus.
 
Warum hat's Bäumlein denn gelacht,
und warum denn seine Kameraden?
Es hat bekommen in der Nacht
wieder alle seine Nadeln,
dass jedermann es sehen kann.
Geh' 'naus, sieh's selbst, doch rühr's nicht an!
Warum denn nicht?
Weil's sticht.
 
(c) Friedrich Rückert
 
Dieses Gedicht erinnert mich an meine Schulzeit. Hatte es damals auswendig gelernt und auch vorgetragen. Ich habe ja schon immer Gedichte geliebt! Wenn ich die goldenen Blätter an den Bäumen sehe, dann muss ich oft an Friedrich Rückerts nettes Gedicht denken!
Wer es nicht kennt, kann es jetzt lesen!
 
Liebe Grüße * Renate *

Foto: Renate Harig


 
 
 
 

Kommentare:

Claudia hat gesagt…

Guten Abend, liebe Renate,
oh ja, dieses Gedicht mußten wir in der Schule auch lernen! :O) Danke für diese schöne Erinnerung!
Die Laubbilder sind wunderschön!
Ich wünsch Dir noch einen gemütlichen Abend!
♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

die3kas hat gesagt…

Ja wie wahr. Ein schönes Gedicht und ganz tolle Bilder.

Ich wünsche dir/euch einen goldenen Herbst ♥

LG kkk

Erika hat gesagt…

Liebe Renate,
das Gedicht habe ich nicht gekannt... ist sehr lehrreich. Es zeigt mal wieder das der Glanz nicht immer das Beste ist... und man mit dem was man hat zufrieden sein soll.
Den Herbst mit seinen bunten Blättern hast du mir in die gute Stube gezaubert - Danke.
Liebe Grüße aus Österreich - Erika

geistige_Schritte hat gesagt…

Liebe Renate
ein wunderschönes Gedicht und für uns sehr wichtig zu erkennen was glänzt ist nicht das was das Leben möchte mit uns sondern das was man besitzt hegt und pflegt sich selbst so nimmt wie man ist!
So shcöne Bilder dazu so war es wieder ein tolles Posting für den Herbst und dir einen schönen Herbsttag!!
Lieben Gruss Elke

Anonym hat gesagt…

Hallo Renate,
danke für das schöne Gedicht, welches ich noch nicht kannte.
Viele liebe Grüße
Günter

good old things hat gesagt…

Liebe Renate,
das Gedicht kannte ich auch noch nicht. Es erinnert auch irgendwie an den "Fischer und seine Frau" - der Mensch kann oft auch nicht genug bekommen, bis er da landet, wo er einst herkam oder bis er erkennt ...
Deine Herbstbilder sind wundervoll und bei uns scheint die Sonne. Ich hoffe bei Dir auch und wünsche Dir ein herrliches Herbstwochenende.
Sara
(Herz & Leben + Mein Waldgarten)

frank hat gesagt…

Danke Renate für das Gedicht. Ich kannte es nicht, aber es ist schön und ein wenig erinnert es an das Märchen vom Fischer und seiner Frau.
Ich wünsche Euch ein schönes Herbstwochenende.

Viele Grüße
Frank